Themen

Und die Welt steht still
Letzte Lieder und Geschichten. Konzert mit dem Christophorus Hospiz

Kanzelrede vom 26. März 2017
Von Schauspieler und Kabarettist Andreas Giebel

Reformation: Wie geht Gnade?
Von Bundespräsident Joachim Gauck

Reformation: Wie geht Freiheit
Von Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm

Reformation: Wie geht das?
Eine Antwort von Regionalbischöfin Breit-Keßler

Gemeindebrief

Kanzelrede 2017 von Schauspieler und Kabarettist Andreas Giebel

Einmal im Jahr lädt St. Lukas einen Menschen des öffentlichen Lebens ein, aus seinem Glauben heraus und mit dem je eigenen fachlichen und persönlichen Hintergrund in einer Kanzelrede im Gottesdienst Stellung zu nehmen. So sprachen unter anderem Imam Benjamin Idriz zum Thema Toleranz, Bundestagspräsident a.D. Wolfgang Thierse zu „Glaube und Politik“, Theaterintendant Christian Stückl zu „Bild und Religion“ und Journalist und Autor Heribert Prantl zu „Zuflucht in bewegten Zeiten“.

Im Reformationsjubiläumsjahr 2017 war Kabarettist Andreas Giebel bereit über „Licht und Schatten christlicher Existenz“ zu sprechen.

"Neulich war ich wieder mal beim Pfister. Zwei waren vor mir. Normalerweise mach ich mir immer Gedanken über die vor mir. Wie kaufen die ein, wie leben die...

„Aha, sauber, zwei ganze Brote, beide durchgeschnitten, eine Hälfte in Scheiben, eine geviertelt, alles einzeln verpackt… so ein Hamstertyp, denk ich mir, ein Bevorrater. Entweder weil er zu faul ist, öfter einkaufen zu gehen oder für den Fall dass der Weltkrieg ausbricht. Der muss ja eine große Gefriertruhe haben. Und meine letzte Sonne hat er mir auch noch vor der Nase weggekauft.“ So was denk ich mir normalerweise.

Aber dieses mal dachte ich an den heutigen Sonntag. Was erzählst du den Menschen in der Kirche. Wenn man so ein Unterfangen ernst nimmt ist das schwieriger als man denkt. Vielleicht auch speziell für einen wie mich. Soll ich von meiner Art des Glaubens sprechen ?

Oder davon, Dass ich schon immer Schwierigkeiten hatte mit festen Abläufen, nicht nur in der Kirche, nein, bei allen öffentlichen Anlässen, Die erste Rede die zweite Rede, die dritte Rede, ein Tusch und dann gibt’s Essen, wäre das umgekehrt, also erst das Essen, würden die Reden vermutlich vor vielen leeren Stühlen stattfinden.

Weil viele draußen sind, auf dem Klo, beim Rauchen, oder schon wieder auf dem Heimweg.

Beim Gottesdienst am Sonntag gibt’s kein Essen, dafür wird mehr gesungen. Wichtig, wahrscheinlich für Viele, gemeinsam in sich zu gehen, sich gemeinsam zu besinnen, zu beten, der gemeindliche Zusammenhalt im Glauben, um diesen immer wieder zu festigen, um dann wieder gestärkt und vielleicht auch beseelt in den Alltag zu entschwinden.

Aber ich bin im Grunde immer noch der innerlich unruhige Zappelphillip, der ich schon in der Schule war. Jene Einrichtung, in der ich zwar Lesen und Schreiben gelernt habe, aber nichts von dem, auf was es im Leben ankommt. Keine auch nur ansatzweise brauchbare Anleitung. Eine Gebrauchsanweisung fürs Leben. Alles mußt du selber machen und keiner erklärt es Dir. Und in diesem Kampf mit der Welt stecke ich bis Heute.

„So, der nächste bitte, was griang sie?“Jetzt bin ich dran, beim Pfister.

„Gebens mir das halbe Rustikal mit dunklen schwarzen fast verbrannten Kruste, und des braune Salzstangerl, bitte!“

Eine ältere Dame hinter mir, klein, Adrett, sehr nett,meint: „Sie mögens gern dunkler, gell? Des ist ja gut daß wir nicht alle gleich sind, weil ich mags gern hell!“ „Ja, da haben sie recht, jeder ist ein Individuum, drum gibt’s ja da auch so viele verschiedene Brote!“

„ja mei,“ sagt sie, „wenn ich jung wäre, würde ich vielleicht auch des dunkle gern mögen!“

Na ja sag ich, soo jung bin ich auch nicht mehr!“ „für mich schon, ich bin jetzt 94“

„Was? Des gibt’s ja gar nicht, Respekt, des hätt ich ja nie geglaubt“. „Aber hundert mog i a net wern!“ Net? „Na, ich hab ja koane Leit mehr, san ja jetzt scho fast alle weg!“

„Ja dann hoff ich, dass ma uns noch oft sehen, hier beim Pfister !“

So eine nette Person, und geistig so wach mit einem Witz und einer Art. Ganz beseelt bin ich rausgegangen, mit meinem Rustikalbrot und meinem Salzstangerl.

Die Momente sind es, im Leben, die Begegnungen mit den Menschen und das was sich daraus ergibt.

Ich weiß gar nicht was sich die Menschen immer alles unter Glück vorstellen. Albert Schweitzer hat gesagt: „Glück ist gute Gesundheit und ein schlechtes Gedächtnis!“

Am Ersten arbeite ich noch, mit dem Zweiten klappt es schon ganz gut. Ja was ist Glück?

Wenn du dir die Möbelkataloge anschaust. Da hauts dir doch den Vogel raus. Küchen wie Kathedralen, der Kochblock in der Mitte als Altar, und die modelgleiche Dame des Hauses steht einsam dahinter und lächelt. Lebenstraum erfüllt, erledigt, alles klar. Wenn das Glück ist… na servus.

Und Besuch hams auch keinen, weil keiner rausfahren will, aufs Land, um die zu besuchen. Zumindest ich nicht. Weil ich dann immer alles bewundern muss, ich hab aber nur einen ganz geringen Vorrat an Bewunderung. Unglaublich diese Sitzgarnitur, und der Teppich, phantastisch. „Und sogar ein Spiegel im Bad, toll!“ Mehr geht nicht.

Das gleiche mit den Urlaubskatalogen. Herrlicher Strand, Swimmingpool, Essensbüffet, schöne Zimmer.

Ja, das nutzt mich doch nix, wenn ich lauter Deppen um mich herum hab. Lauter oberflächige Gscheidhaferl, nix im Hirn aber Sprüch machen. Das ist doch kein Urlaub!

„Der Mensch ist gut, aber die Leit san bläd!“    hat der Valentin schon gesagt.

Und alle wollen immer ihr Leben planen, ihr Glück planen. Also, Sie nicht und ich nicht, aber die Anderen.

Mir gefiel auch immer der Satz: „Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, erzähl ihm von deinen Plänen!“ Immer die Jagd nach dem Glück um irgendwann zufrieden zu sein. Vielleicht ist das einfach die falsche Reihenfolge.

Die Elektronik tut ihr Übriges. Wenn es in den Nachrichten interessant wird, heißt es immer gleich:“ Wenn sie mehr darüber wissen wollen, schauen sie nach unter www.ZDF-INFO.de. Der Ratschlag des Jahrhunderts. Wenn du was wissen willst, schau nach. Diese Haltung verbreitet sich überall. Ich hoffe nur nicht in der Kirche. Dass der Pfarrer oder die Pastorin auf die Kanzel geht und sagt: „wir sind alle Sünder…wenn sie mehr darüber wissen wollen, schauen sie nach unter www.Bibel.de. Das war dann die Predigt.

Auf der Straße treffe ich einen Bekannten: „Und, wie geht’s? „Er geht weiter und sagt:“ Schaug hoit nach!“ In London gibt es an den Straßenlaternen Polster in Kopfhöhe, damit sich die narrischen Smartphonebenutzer beim Gehen nicht den Schädel verletzen.

Im Februar ist meine Mutter Gestorben. Mit 91 Jahren, friedlich eingeschlafen im Seniorenwohnheim St. Elisabeth. Eine kluge Frau, spielte Geige, Bratsche Klavier kannte alle Sonaten, Symphonien und Opern auswendig. Ein langes Leben. Wir saßen immer unten im Café vom Seniorenheim, redeten und lachten. Wir grüßten immer alle anderen im Café, die auch immer da waren. Den Herrn Reisinger, das wandelnde Lexikon, die ruhige Frau Meier, immer gepflegt und witzig, die Frau Hausmann sowieso, die mit ihren 70 Jahren ehrenamtlich das Café am Laufen hält.

Ich fahre immer noch hin, und besuche diese Leute die mir mit ihrer Eigenart ans Herz gewachsen sind. Nicht weil ich so nett bin, ich so ein Gutmensch sein will, nein, gar nicht, ich blühe bei diesen Menschen auf, mit ihrer Art ihrer Erfahrung und meiner und dem was daraus entsteht. Das ist Leben.

So wichtig wie diese Kirche, ist da draußen das Leben, die Menschen, die Begegnungen, das ist auch unsere Kirche, die Glückseligkeit der Momente. Jeden Tag, den Gott uns schenkt.

Ich gehe durchs Leben und Gott begleitet mich. Das weiß ich. Dass ich auch vom Kopf her glaube, ist auch wichtig, aber es zu wissen, das ist das schönste. Manchmal, wenn wir uns unterhalten, im Gebet, und ich werde mir in diesen Gesprächen oft meiner Lächerlichkeit bewusst, so, dass ich selber lachen muss, habe ich das Gefühl, er lacht mit, und das hilft mir sehr, dieses Gefühl, der Vertrautheit!“

Ich wünsche ihnen allen ein gutes Leben Und vielleicht treffen wir uns ja mal auf der Straße, beim Gemüsehändler oder beim Pfister."

Wie geht Gnade? Von Bundespräsident Joachim Gauck

Artikelreihe Reformationsjubiläum

500 Jahre Reformation nehmen wir zum Anlass, im Jubiläumsjahr zentrale Fragen der Reformation neu zu stellen und namhafte Persönlichkeiten um Antworten für unsere Zeit zu bitten.

Bundespräsident Joachim Gauck hat vor kurzem St. Lukas beehrt. Als Bundespräsident kann er qua Amt das Begnadigungsrecht ausüben. Als Pfarrer war Gnade in seinem Reden, Denken und Handeln eine grundlegende Kategorie. Beim Festakt „500 Jahre Reformation“ in Berlin hat er darüber gesprochen, dass unsere Gesellschaft nichts so nötig hat, wie Gnade. Mit Ausschnitten aus dieser Rede setzen wir die Artikelreihe fort überschrieben mit der Frage „Wie geht Gnade?“

 

Wie geht Gnade?
Von Bundespräsident Joachim Gauck

Dass die Reformation und die Feier ihres Gedenkens mich ganz persönlich sehr bewegen, als evangelischen Christen und als Pastor, der ich einmal war – das dürfte niemanden überraschen. Aber ich spreche zu Ihnen heute als Bundespräsident und bringe damit zum Ausdruck, dass unser Gemeinwesen dieses ja zunächst kirchliche Ereignis außerordentlich wichtig nimmt. Wir vermischen hier nicht unzulässigerweise die kirchliche und die staatliche Sphäre, sondern der Staat erkennt an, dass auch er selber, in seiner Geschichte und Vorgeschichte, in vielfacher Weise von der Reformation und ihrer Wirkungsgeschichte geprägt ist. Die heutige Gestalt unseres Gemeinwesens ist ohne die christlichen Kirchen nicht denkbar. Und sie ist nicht denkbar ohne die Reformation. …

Der Beginn könnte unscheinbarer kaum sein: Ein noch junger Professor der Theologie formuliert einige pointierte Thesen. Mit diesen Thesen zum Ablasswesen stellte Martin Luther allerdings eine entscheidende Praxis seiner Kirche ganz grundsätzlich in Frage – eine Praxis, die von hoher religiöser, kultureller aber auch von ökonomischer und machtpolitischer Relevanz war und die für die Menschen in ihrem ganz persönlichen Glaubensleben eine wichtige Rolle spielte.

Er hatte so die Tür in eine neue Welt aufgestoßen. Allerdings: Weder Luther, noch Calvin, noch Zwingli noch ein anderer der Reformatoren in deutschen und europäischen Ländern konnte ahnen, welche grundstürzenden gesellschaftlichen und politischen Folgen ihr Kampf für eine Reform des Glaubens und der Kirche haben sollte. Denn es ging ihnen doch vor allem anderen um das Heil der Seele, um das richtige Verhältnis zu Gott, um Himmel oder Hölle.

Viele von uns heute verstehen gar nicht mehr, wie man sich darüber überhaupt Gedanken machen kann – und noch fremder sind den meisten wohl die Seelenqualen und die Gewissensängste, die die Menschen am Ausgang des Mittelalters so unaufhörlich beschäftigten – und einen von ihnen eben ganz besonders: Martin Luther.

"Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?" – "Wofür wird Gott mich bestrafen?" – "Was geschieht mit mir nach meinem Tode?" Diese sehr persönlichen religiösen Fragen angefochtener Seelen – und die neuen Antworten darauf – waren es, die politische, ja weltgeschichtliche Erschütterungen ausgelöst haben.

Dass die Gedanken der Reformatoren eine so unerhörte Sprengkraft entwickeln konnten, lag gewiss auch an günstigen Umständen wie etwa dem Buchdruck, der die neuen Ideen so schnell in alle Winkel verbreitete.

Andererseits aber lässt sich diese Sprengkraft nur erklären durch die leidenschaftliche Suche nach dem richtigen Glauben, nach dem Willen, auf rechte Art fromm zu sein, der die meisten Menschen in jener Zeit bewegte. Wenn sich nun an diesem innersten Beweggrund ihres Lebens entscheidendes änderte – dann konnten davon auch die übrigen Verhältnisse nicht unberührt bleiben….

Neben der Wahrheit des Evangeliums und neben der durch sie ermöglichten Freiheit war das wichtigste Wort der Reformation wohl "Gnade". Luthers alles andere überragende Erfahrung war, dass er allein durch die Gnade Gottes zu einem gerechten und guten Menschen werde. Das war das Befreiungserlebnis seines Lebens, die Erlösung seiner suchenden und oft verängstigten Seele.

Gnade: damals ein zentrales – heute vielleicht ein fremdes Wort. Und dabei, so scheint es mir, hätten wir gerade heute nichts so nötig wie Gnade. Gnade zuerst mit uns selbst, damit wir nicht vor immer neuer Selbsterfindung und Selbstoptimierung schließlich in verzweifelter Erschöpfung landen. Gnade auch mit unseren Mitmenschen, die eben fehlbare und unvollkommene Wesen sind wie wir selber und von denen wir doch häufig Perfektion und reibungsloses Funktionieren erwarten.

Es macht sich zudem in unserer Gesellschaft, von Internetforen bis hin zu politischen Debatten, ein Ungeist der Gnadenlosigkeit breit, des Niedermachens, der Selbstgerechtigkeit, der Verachtung, der für uns alle brandgefährlich ist.

Und dass wir weniger von Ängsten geplagt und von Furcht ergriffen sind als die Zeitgenossen der Reformation, das kann man nun sicher nicht behaupten, auch wenn diese Ängste uns nicht mehr als leibhaftige Dämonen und Teufel erscheinen.

Von denjenigen, für die die Reformation mehr ist als historische Erinnerung und für deren Leben der christliche Glaube eine wichtige Rolle spielt, von denjenigen wünsche ich mir, dass sie aus diesem Glauben heraus gnadenlosen Zuständen immer wieder Momente von tätiger Zuwendung, aber auch von Umkehr und Veränderung, entgegensetzen können. Wir brauchen auch heute Agenten der Entängstigung. Und wenn es sein muss auch mit dem gelassenen Trotz, wie ihn Luther formuliert: "Und wenn die Welt voll Teufel wär / Und wollt uns gar verschlingen / So fürchten wir uns nicht so sehr / Es soll uns doch gelingen…"

Für viele ist der Glaube an Gott oder an eine unverdiente himmlische Gnade keine persönlich erfahrene Wirklichkeit mehr. Ihnen wünsche ich, dass sie hier und da Gnade von ihren Mitmenschen erfahren und auch selber gnädig mit anderen umgehen. Wenn Menschen sich bewusst machen, dass sie hier und da in rational nicht fassbarer Weise beschenkt, getragen oder bewahrt waren, oder wenn sie voller Staunen erleben, dass ihnen Gutes widerfährt, was sie sich nicht selber erarbeitet haben – dann haben sie möglicherweise eine Erfahrung von Gnade gemacht. Auf Latein heißt Gnade "gratia". "Gratis" kommt daher: Großzügigkeit und selbstloses Schenken. Und auch die "Grazie" leitet sich daher, die Leichtigkeit unverkrampften Daseins. Wo solche Grazie erfahren wird, ist ziemlich sicher auch die Gnade nicht weit.

Deshalb freuen wir uns nun auf das Gedenken der Reformation. Nehmen wir sie als eine aktuelle Herausforderung für unser Denken und Handeln. Sie geht uns voraus in ihrer Leidenschaft für Wahrheit und Freiheit und sie geht uns gerade deswegen auch an: als einzelne Menschenkinder, die in Wahrhaftigkeit und Freiheit ihren Weg zu gehen suchen, als Christen, deren Kirche eine Reformation nie nur hinter sich, sondern immer auch vor sich hat und als Bürgerinnen und Bürger, die aus eben diesem Geist ihrem Gemeinwesen in beständiger Bereitschaft zur Erneuerung verbunden bleiben.

Wie geht Freiheit?

Von Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm
(Diesen Artikel können Sie hier als PDF herunterladen)

Wie geht Freiheit? Aus evangelischer Sicht gibt es darauf eine klare Antwort. Und sie trennt die Konfessionen nicht mehr, sondern sie verbindet sie. Genau das will das Reformationsjubiläum 2017 unter dem Stichwort „Christusfest“ neu in den Blick nehmen. Wer von christlicher Freiheit redet, kommt um Christus nicht herum und ist damit gleichzeitig mitten im Zentrum der reformatorischen Botschaft: Solus Christus – Christus allein. In der Reformation ging es auch um die (Wieder-) Entdeckung der Bibel (sola scriptura), um den Glauben (sola fide) und um die Gnade Gottes (sola gratia). Alle drei sind untrennbar mit Jesus Christus verbunden. Deswegen lohnt es sich, das „Solus Christus“ etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.

Es führt uns zunächst zu Martin Luther selbst, dem „allein Christus“ zu einer existenziellen Erfahrung wurde. Er erlebte es als bedrückend, dem Anspruch Gottes gerecht werden zu müssen; Er wusste um das Gute und sah sich doch außerstande, es erfüllen zu können. Er bemühte sich mit aller ihm zur Verfügung stehenden Kraft und scheiterte an dem Graben zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Bis sich ihm schließlich der Sinn einer Stelle aus dem Römerbrief in ganz neuer Weise erschloss. Dort heißt es: „Der Mensch ist allein gerechtfertigt aus dem Glauben und nicht aus den Werken“ (Röm 3, 28).

Menschen können sich nicht rechtfertigen vor Gott – sie werden ohne eigenes Verdienst gerecht, durch die Erlösung, die in Jesus Christus geschehen ist. Die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, ist nie die eigene, sondern eine fremde, nämlich die von Jesus Christus. Die Gerechtigkeit Christi wird einem jeden so angerechnet, als sei es die eigene.

Diese Erkenntnis war für Martin Luther der Sprung in die innere Freiheit. In der Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ beschreibt er dieses Geschehen hinreißend als „fröhlichen Wechsel“: „Weil Christus Gott und Mensch ist, der noch nie gesündigt hat, und seine Frommheit unüberwindlich, ewig und allmächtig ist, so macht er denn die Sünde der gläubigen Seele durch ihren Brautring – das ist der Glaube - sich selbst zu eigen und tut nichts anderes, als hätte er sie getan. So müssen die Sünden in ihm verschlungen und ersäuft werden; denn seine unüberwindliche Gerechtigkeit ist allen Sünden zu stark. So wird die Seele von allen ihren Sünden durch ihren Brautschatz geläutert, das heißt: des Glaubens wegen ledig und frei und begabt mit der ewigen Gerechtigkeit ihres Bräutigams Christus. Ist nun das nicht eine fröhliche Wirtschaft, wo der reiche, edle, fromme Bräutigam Christus das arme, verachtete, böse Hürlein zur Ehe nimmt und sie von allem Übel entledigt, ziert mit allen Gütern? So ist es nicht möglich, daß die Sünden sie verdammen; denn sie liegen nun auf Christus und sind in ihn hinein verschlungen.“

Gerecht werden vor Gott – das kann kein Mensch und sei er in seinem Tun noch so vorbildlich. Das kann nur Christus. „So sehen wir, daß ein Christenmensch an dem Glauben genug hat; er bedarf keines Werkes, damit er fromm sei. Bedarf er denn keines Werkes mehr, so ist er gewiß entbunden von allen Geboten und Gesetzen. Ist er entbunden, so ist er gewiß frei. Das ist die christliche Freiheit, der einzige Glaube, der da macht, nicht daß wir müßig gehen oder übel tun möchten, sondern daß wir keines Werkes zur Frommheit und um Seligkeit zu erlangen bedürfen.“

 

 

Freiheit besteht für Luther darin, selbst des beständigen Bemühens entledigt zu sein, im eigenen Tun das Heil zu suchen. Welche Rolle aber spielt das Tun – oder die Werke, wie Luther sagt? Was wäre das für eine Freiheit, die das Tun des Guten verachten würde? Das kann es also nicht sein.

Vielmehr ändert sich der Begründungszusammenhang: „So daß allewege die Person zuvor gut und fromm sein muß vor allen guten Werken, und gute Werke folgen und gehen aus von der frommen, guten Person. Ebenso wie Christus sagt: ‚Ein böser Baum trägt keine gute Frucht. Ein guter Baum trägt keine böse Frucht‘.“ (Matth. 7,18)

 Im Vertrauen auf Christus allein gewinnt der Christenmensch die Freiheit, die sein Verhältnis zu seinen Mitmenschen bestimmt. Diese entfaltet Luther in der bereits erwähnten Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“, die 1521 entstanden ist und zu den seinen Hauptschriften zählt. Zwei Thesen stehen an ihrem Anfang: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge und niemandem untertan“ und „Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan“. So widersprüchlich dies zunächst klingt, gehört doch beides zusammen.

Aus der ersten These – niemandem untertan zu sein – ergibt sich, was „Zivilcourage“ genannt wird, zu eigenen Überzeugungen auch dann zu stehen, wenn dies persönliche Konsequenzen hat. Geradezu bildlich wurde dies in der reformationsgeschichtlichen Schlüsselszene schlechthin: Luthers Auftritt vor dem Kaiser auf dem Reichstag zu Worms im April 1521, als er sich, unter Androhung des Todes, weigerte zu widerrufen: „Wenn Eure Majestät und Eure Herrschaften denn eine einfache Antwort verlangen, so werde ich sie ohne Hörner und Zähne geben. Wenn ich nicht durch Schriftzeugnisse oder einen klaren Grund widerlegt werde – denn allein dem Papst und den Konzilien glaube ich nicht; es steht fest, daß sie häufig geirrt und sich auch selbst widersprochen haben-, so bin ich durch die von mir angeführten Schriftworte überwunden. Und da mein Gewissen in den Worten Gottes gefangen ist, kann und will ich nichts widerrufen, weil es gefährlich und unmöglich ist, etwas gegen das Gewissen zu tun. Gott helfe mir. Amen.“

Diese Orientierung am eigenen Gewissen gehört zu den unhintergehbaren Grundlagen unserer modernen menschenrechtlichen Kultur. Um das Individuum aber nicht zum alleinigen Zentrum zu machen und den Freiheitsbegriff damit individualistisch zu verengen, muss die zweite These „Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan“ immer im gleichen Atemzug mit der ersten genannt werden. Mit der Freiheit geht der Dienst am Nächsten einher.

Freiheit ist immer nur dann Freiheit, wenn sie nicht gegen die Nächstenliebe, sondern mit ihr zusammen gedacht wird. Martin Luther hat diesen Zusammenhang auf eine Weise zum Ausdruck gebracht, wie man es besser kaum sagen kann:

„ Sieh, so fließt aus dem Glauben die Liebe und die Lust zu Gott. Und aus der Liebe ein freies, fröhliches, williges Leben, dem Nächsten umsonst zu dienen. Denn so, wie unser Nächster Not leidet und unseres Überflusses bedarf, so haben ja auch wir Not gelitten und seiner Gnade bedurft. Darum sollen wir so, wie uns Gott durch Christus umsonst geholfen hat durch seinen Leib und seine Werke, nichts anderes tun, als dem Nächsten zu helfen.“

Christliche Freiheit ist nichts Sauertöpfisches, nichts Moralistisches, nichts Freudloses, sondern es ist die Grundlage für ein erfülltes, ein glückliches Leben.

Dass viele Menschen das neu entdecken, das wäre mein Traum für das Reformationsjubiläumsjahr  2017!

Wie geht Reformation?

Eine Antwort von Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler
(Diesen Artikel können Sie hier als PDF herunterladen)

Als kleines Mädchen erklärte ich meinen Eltern von mir aus und sehr entschlossen, dass ich den Kindergottesdienst besuche wolle. Ich hatte Gutes davon gehört: Man bekommt Geschichten erzählt, so hieß es, und eine kleine Zeitung mit Rätseln und Bildern. Mit beidem war ich wissensdurstige kleine Person zuhause nicht besonders gesegnet, weil das Geld dafür fehlte. Meine Eltern waren einverstanden. Also stapfte ich vergnügt und ein bisschen aufgeregt los. Alles war so, wie ich es mir ausgemalt hatte. Eine junge, liebens­werte Frau erzählte mitreißende Geschichten.

Geschichten über Geschichten, alle aus der Bibel, eine so atemberaubend wie die andere. Nein, nicht ganz. Joseph und seine Brüder - das war mein persönlicher Hit. Zuerst der Verkauf des Traumtänzers Joseph nach Ägypten, der Schmerz seines Vaters, Joseph als widerspenstiges Lustobjekt der Kämmerersfrau, seine Gefangenschaft in den Kerkern des Pharao.... Ich konnte es kaum erwarten, bis der nächste Sonntag da war und es endlich mit der hochdramatischen Familiensaga weiterging. Manche Mehrteiler im Fernsehen heute erinnern mich entfernt an die Spannung vergangener Tage.

Unsere persönliche Situation zuhause, mein Vater, der nicht bei uns leben durfte, weil er nicht mit meiner Mutter verheiratet war, die despektierlichen Äußerungen über uns im gesellschaftlichen Umfeld waren es wohl, die mich sensibel gemacht haben für die emotionalen Züge der bibli­schen Geschichten. Da kommen Menschen vor wie du und ich. Einer phantasiert sich in großartige Rollen, weil das Leben ihn klein macht. Andere wollen mitziehen, sind neidisch über fremde Erfolge. Verluste brechen einem schier das Herz; unbefriedigte Sehnsucht kann aggressiv machen. Und erst ein happy-end!

Ich liebte und liebe den glücklichen Ausgang von Erzählun­gen, Filmen, Büchern und natürlich von Ereignissen im wirk­lichen Leben. Es braucht solche Visionen, solche Bilder vom guten Ausgang, damit man nicht erstickt unter der Last noch unbewältigter Erfahrungen oder gar zerbricht an einer quälenden Realität. Joseph, der es schließlich ganz nach oben geschafft hat, sieht seine Brüder nach Jahren wieder. Sie erkennen ihn nicht. Er gibt ihnen Getreide, damit sie nicht hungern, verlangt aber den Jüngsten von ihnen zu sehen, den daheim gebliebenen Benjamin, und behält dafür eine Geisel.

Schier unerträglich war mein Verlangen, der Familienfriede möchte wieder hergestellt, die Geschwister vereint beieinan­der leben. Noch war es nicht soweit. Joseph versteckte beim zweiten Besuch der Brüder einen silbernen Becher im Gepäck von Benjamin, ließ den davonziehenden Geschwistern nachjagen und sie wegen angeblichen  Diebstahls verhaften. Mein Gott, was für eine Aufregung! Ich fieberte förmlich dem Ende entgegen. Joseph würde sich doch wohl nicht billig rächen? Er wollte sicher die Gefühle nur hochkatapultieren, damit die Versöhnung umso großartiger würde...

Meine Erleichterung war grenzenlos, als sich schließlich alle begeistert in die Arme sanken. So, fand ich, so muss das Leben sein: Abenteuerlich, voller Liebe und Leidenschaft, voll Zorn über Ungerechtigkeit und Kampf gegen das Böse, voll packender Ideen und bei allem Realismus immer wieder mal voll paradiesischer Harmonie. Das war und ist ganz nach meinem Geschmack: Pralles Leben, mit allen Höhen und Tiefen, manchmal reduziert und dann wieder unendlich frei, weit. Im Lauf der Jahre entdeckte ich stets neue Züge an der Josephs­geschichte, die mich faszinierten, unwiderstehlich anzogen.

Ich sah eine Mutter, die nicht mehr da war. Einen Vater, der folgenschwer ein Kind vorzog. Seine Unfähigkeit, den Tod der geliebten Frau zu verarbeiten. Die Brüder, die sich der Konfrontation nicht stellen, sondern verdrängen. Joseph, der sich nur mit den Flügeln der Seele einer Prell­bockposition entziehen konnte. Ich fand dargestellt, wie Träume in ihrer existentiellen Bedeutung zu erkennen und zu erfassen sind. Ich las von schweren, qualvollen  Zeiten, die einen reifer und erwachsener aus ihren Fängen entlassen, von Beziehungen, die Arbeit machen und Phantasie erfordern.

 

Rund fünfzehn Jahre nach meiner ersten Begegnung mit der Josephsgeschichte saß ich mit ziemlich klopfendem Herzen in einem Examen. Es war die schriftliche Sprachprüfung in Hebräisch, der sich junge Theologen und Theologinnen unterziehen müssen. Die Blätter mit den zu übersetzenden Texten wurden ausgeteilt, die Schriftzeichen noch nicht sichtbar nach unten. Auf ein Kommando des Prüfers durften wir die Blätter umdrehen. Zunächst tanzten die Buchstaben wie Derwische vor meinen Augen. Ich zwang mich zur Ruhe und begann zu übersetzen."Da zogen hinab zehn Brüder Josephs, um in Ägypten Getreide zu kaufen."

Ich fasse es nicht und schaue noch einmal hin: Meine Kinder-Lieblingsgeschichte als Prüfungsstoff! Der Stift wetzte über das Papier, drängte sich danach, von Benjamin, dem Becher, den Tränen Josephs und der Wiederken­nungs-Szene zu schreiben. So schnell habe ich nie wieder aus dem Hebräischen übersetzt, so fehlerfrei auch nicht. All meine Zuneigung zu den einzelnen Personen packte ich hinein in den Text, mein Verständnis und Mitleiden, meine Anti­pathie und das Glück eines neuen Miteinanders. So ist es, ich fühle es richtig: "Der Buchstabe tötet - aber der Geist macht lebendig!" ( 2 Kor 3,6).

Sola Scriptura - die Bibel ist ein wundervolles Buch voller Leben. Von Gott inspiriert, von Menschen geschrieben. Es ist Luther zu danken, dass er sich an die unglaubliche Aufgabe gemacht hat, die Heilige Schrift voller Liebe und Aufmerksamkeit ins Deutsche zu übersetzen. Warum er das getan hat? Weil er unbedingt wollte, dass jedes Menschenkind sich ein eigenes Bild machen, selbst den Wortlaut des Alten und Neuen Testamentes erfassen kann. Das ist theologisch wichtig, weil es den zentralen Gesichtspunkt lutherischer Theologie betont: Entscheidend ist die Beziehung zwischen Gott und dem einzelnen Menschen.

Gott spricht mit seinem Wort zunächst das Individuum an, nicht die Institution. Er meint Dich und mich, sie und ihn, natürlich auch uns, euch und sie. Das allgemeine Priestertum bedeutet das Recht, sich lesend und hörend selbständig eine Überzeugung zu bilden und nicht abhängig zu sein von dem Geheimwissen anderer, die damit womöglich ganz eigene Ziele verfolgen. Die Bibel in der Hand eines jeden ist ein Recht. Sie selber studieren und interpretieren zu dürfen, ist aber auch eine verantwortungsvolle Angelegenheit - denn sie verlangt rechtschaffene Konzentration auf den Text und keine Interessen geleitete Beliebigkeit.

Luther hat deutlich gemacht, dass die Bibel kein Steinbruch ist, aus dem man sich nach Gutdünken herausschlagen darf, was einem in den Kram passt. Genauso wenig kann man alles wortwörtlich nehmen, gleichsam für in Stein gemeißelt, was aus der jeweiligen Zeit heraus entstanden ist. Wenn mal wieder jemand, wie derzeit die lettische Kirche, behauptet, Frauen sollten in der Gemeinde besser schweigen, ist das eben nicht Gottes Wirt geschuldet. Jesus selbst ist mit Frauen ganz selbstverständlich und voller Akzeptanz umgegangen, hat sie zu namentlich genannten Jüngerinnen berufen (Lk 8, 1-3).

Was Christum treibet, ist nach Luther Mittelpunkt der Schrift, nicht zeitgebundene Aussagen. Das bringt Dynamik in Glaube und Kirche. Denn das sorgsame Achten auf das, was Christum treibet, hält den einzelnen Christenmenschen und die ganze Kirche auf Trab. Wir sind allesamt semper reformanda, bestens zu verändern und reformieren. Und das Schöne daran ist: Gott hat uns als Menschen erneuerbar geschaffen. Die Organisationen, die wir selber kreieren, sind es sowieso, haben es auch immer wieder nötig. Semper reformanda steht in unseren Bekenntnisschriften: Wir haben stets neu nachzudenken. Zuspruch und Anspruch.

Wem das Wort Gottes anvertraut ist - uns allen - der soll es lebendig weitergeben, verkündigen. Der oder die soll es munter bezeugen: Nicht allein im Gottesdienst, sondern auch en passent oder ganz bewusst im Alltag. Diesen "Drive", diesen Schwung hat Luther ins Leben gebracht. Sola Scriptura für alle bedeutet Gläubige Autonomie des Einzelnen, in der Folge einen munteren Diskurs über individuell gewonnene Einsichten und damit eine Demokratisierung der Kirche. Zugleich, noch einmal, keine Beliebigkeit, denn "einen andern Grund kann niemand legen als den, welcher gelegt ist, welcher ist Jesus Christus" (1 Kor 3,11).

Vernissage "Mein München"

Einladung zur Ausstellungseröffnung der Projektgruppe "Youthbridge München"

Youthbridge München ist ein einzigartiges Münchner Pilotprojekt. Fünfzehn gebürtige, eingewanderte und geflüchtete Jugendliche christlicher, muslimischer, ezidischer und jüdischer Abstammung, präsentieren die fotografischen Resultate ihrer Projekttreffen des vergangenen halben Jahres. Mit dabei sind Jugendliche von St. Lukas und St. Anna

26. März 2017, 17 Uhr, Oskar-von-Miller-Gymnasium, Siegfriedstraße 22
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